Auf der Fahrt von Belgern in die Heide durchquert man zuerst dieses alte Bauerndorf. Entlang der Hauptstraße reihen sich Dreiseithöfe. Auf einer kleinen Anhöhe steht, sehr wehrhaft, die etwas eigenwillig wirkende Kirche. Der Ortsname verweist auf frühe slawische Bewohner. Ursprünglich hieß das Dorf Nisani. Das bedeutet „Leute in der Niederung“.

1018 erscheint ein Nisani in einem Bericht des Chronisten Thietmar von Merseburg. Unklar bleibt, ob er das spätere Neußen meinte, lag das erwähnte Dorf doch näher an der Elbe. Unabhängig davon existierte das sorbische Dorf um diese Zeit sicherlich schon. Die deutschen Neusiedler nannten den Ort um 1534 Neyssau, dann Neisen.

1258 erscheint das Dorf in einer Urkunde, Abgaben der Bauern an das Kloster Nimbschen betreffend. Im Jahre 1387 kaufte das Kloster Buch für 180 Schock das Dorf von einem Adligen.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts lebten hier 18 Hüfner und 8 Gärtner. Später kam das Dorf zum Amt Mühlberg und dem dortigen Marienkloster. Es lag am wichtigen Fahrweg von Belgern nach Oschatz und an der alten Poststraße Wittenberg-Torgau-Neußen-Staritz-Dresden.

Wie die umliegenden Orte litt Neußen besonders im Kriegsjahr 1637. Berichtet wird von „Plünderungen, Drangsalen und Brandschatzungen“. Die Schweden zerstörten das Nachbardorf Spauditz, das zwischen Neußen und Puschwitz lag. Die Überlebenden zogen nach Neußen. Nun mussten man die zu eng gewordene alte Kapelle erweitern.

1765 ordnete die Puschwitzer Hofmarschallin von Rackwitz, die Erb- und Gerichtsherrin der umliegenden Dörfer, den Abriss des baufällig gewordenen Kirchturms an. An einen schnellen Neubau war damals nicht zu denken, denn die Folgen des Siebenjährigen Krieges bedrückten die Bauern sehr stark.

Es kam aber noch schlimmer. Am 30.Mai 1772 vernichtete ein Großbrand fast das ganze Dorf. Vormittags begann die Feuerbrunst auf dem Hof von Johann Christian Schreibern am Ende des Dorfes. Der Wind trieb die Flammen rasch über die strohgedeckten Wohnhäuser und Ställe. Der Neußener Pastor Langer berichtete:

„es wütete so schröcklich, daß binnen drei Stunden sämtliche Pfarr-und Schulgebäude nebst 13 Bauernhöfen und eines Häuslers Haus niederbrannten. Die Kirche war danach eine zerstörte Stätte….“

Die Hofmarschallin setzte sich für den Wiederaufbau ein. Jeder der Ausgebrannten erhielt Unterstützung aus der landesherrlichen Brandkasse.

Jetzt standen auch 300 Taler für den Neuaufbau der Kirche zur Verfügung. Am 10. Juni 1778 stellte man den neuen Kirchturm fertig. Durch die häufigen Umbauten erscheint die Kirche heute etwas verwinkelt. Über den verputzten Bruchsteinbau erhebt sich der westturm mit seiner geschweiften Barockhaube. Im Inneren finden wir einen einheitlichen Rechtecksaal. Sehenswert sind die Patronatsloge für die Puschwitzer Gutsherren, die Kanzel und der schöne Flügelaltar.

Wertvolle geschnitzte Figuren stellen Anna Selbdritt, Johannes den Evangelisten und weitere Heilige dar. Der plastisch und einfach wirkende Altar entstand um 1510, die Kanzel mit Korb und Schalldeckel um 1600.

1819 lebten in Neußen 340 Menschen in 58 Häusern. 30 Bauern bewirtschafteten die Flächen um das Dorf. Die Häusler ernährten sich als Tagelöhner bei den Bauern,

Puschwitzer Rittergut oder beim Forst. In Heimarbeit fertigten sie Holzpantoffeln und hölzerne Besen. Einige alte Gehöfte vermitteln noch eine Vorstellung vom damaligen Leben. Ein mit Bruchsteinen untersetztes, fast 200-jähriges Fachwerkhaus mit Krüppelwalmdach steht in der Hauptstraße 99. Alte Gebäude finden wir auf den Grundstücken Nr. 21,48,49 und 52. Das schöne sanierungsbedürftige Pfarrhaus mit der prächtigen Winterlinde auf dem Hof stammt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

 

1947 lebten in Neußen 601 Menschen, 248 davon waren als Flüchtlinge gekommen. 1956 gründete sich die erste LPG. Vier Jahre später kamen zwei weitere hinzu. Sie vereinigten sich Mitte der sechziger Jahre. Bei den letzten Gründungen gab es Widerstände. Ein Mischfutterwerk entstand 1961 an der alten Krausnitzmühle, die ehedem ein beliebtes Ausflugslokal der Belgeraner war. Nach der „Wende“ bildete sich aus der LPG eine Agrarproduktionsgenossenschaft.

Hinter dem Dorf beginnt das Landschaftsschutzgebiet. Einladend wirkt der Wechsel zwischen Hügeln und kleinen Talmulden, die Übergänge von Wald in Wiesen. In der Nähe finden wir den „Eichbusch“. Im geschützten Mischwald gedeiht eine große, einmalige Maiglöckchenwiese. Zum bedeutenden Erholungsort wurde Neußen nicht. Ohne Fahrzeug schwer zu erreichen, liegt der Ort etwas abseits. Der nahegelegene Flug-und Schießplatz der Sowjetarmee verscheuchte mit seiner enormen Lärmbelästigung die Ausflügler.

Neußen eignet sich als Ausgangspunkt für Wanderungen oder Radtouren in die Umgebung. Südlich des Ortes, mitten im Wald, befindet sich das Ausflugshotel Forsthaus Dröschkau. Am Toter-Mann-Weg, am Waldrand. Liegt ein Granitfindling von beachtlichem Ausmaß aus der Eiszeit.

 

Klaus Winterfeld

Aus „Die Dahlener Heide“ Kulturgeschichtliche Streifzüge (Passage-Verlag)